Getting Ready: Warum diese Stunden mehr verdient haben als ein Foto beim Anziehen
Wenn ich Brautpaare frage, was sie sich vom Hochzeitstag am meisten wünschen, kommt fast immer dasselbe: „Wir wollen einfach, dass alles entspannt ist.“ Und genau da fängt für mich die Arbeit schon an – nämlich beim Getting Ready. Nicht erst bei der Trauung.
Viele unterschätzen diesen Teil des Tages total. Man denkt: Ah, Getting Ready, das ist halt Kleid anziehen, Make-up, ein bisschen Sekt vielleicht. Fotografisch nicht so der große Wurf. Ich sehe das komplett anders, und nach mittlerweile über hundert Hochzeiten kann ich sagen: einige meiner liebsten Bilder überhaupt sind in genau diesen ruhigen, ungestellten Momenten entstanden.
Warum das Getting Ready fotografisch so viel hergibt
Das Schöne am Getting Ready ist, dass hier noch niemand „on“ ist. Die Trauung, die Gratulationen, das Anschneiden der Torte – das sind alles Momente, in denen man weiß, dass man beobachtet wird. Beim Getting Ready dagegen sitzt die Braut morgens noch im Bademantel am Fenster, die Kaffeetasse in der Hand, und denkt über den Tag nach. Der Bräutigam scherzt mit seinen Trauzeugen, während er sich die Krawatte zum dritten Mal bindet, weil sie nie richtig sitzt. Das sind Bilder, die man später anschaut und sofort wieder spürt, wie sich dieser Morgen angefühlt hat.
Dazu kommt: die Lichtstimmung am Vormittag ist oft unglaublich weich. Kein grelles Mittagslicht, keine harten Schatten – gerade in einem Hotelzimmer mit großem Fenster oder in der Wohnung der Eltern entsteht da eine ganz eigene, fast intime Atmosphäre. Das lässt sich später bei der Trauung selbst so nicht mehr einfangen.

Was mir als Fotograf beim Getting Ready wirklich hilft
Ich werde oft gefragt, wie man den Tag „fotogener“ gestalten kann, ohne dass es gestellt wirkt. Ein paar Dinge, die sich in der Praxis wirklich bewährt haben:
Der Raum sollte aufgeräumt sein.
Klingt banal, ist aber der größte Hebel überhaupt. Kabelsalat, Kaffeetassen vom Vortag, der Koffer mitten im Raum – das alles landet sonst ungewollt mit auf den Bildern. Ein kurzer Blick durchs Zimmer, bevor es losgeht, spart mir später viel Nacharbeit und euch später beim Anschauen der Bilder den Moment, in dem ihr nur noch die Unordnung seht statt euch selbst.
Licht ist wichtiger als das schönste Zimmer.
Ein Raum mit einem großen Fenster und viel Tageslicht schlägt fast immer die Luxussuite mit kleinen Fenstern und gelbem Deckenlicht. Wenn ihr die Wahl habt, wo ihr euch fertig macht, denkt daran mit.
Kleine Details vorbereiten.
Ringe, Einladungskarte, Parfum, das Schuhwerk, vielleicht ein Brief oder ein kleines Geschenk, das ihr euch gegenseitig macht – solche Kleinigkeiten ergeben wunderbare Detailaufnahmen und erzählen später beim Durchblättern der Bilder eine richtige Geschichte, nicht nur „wir haben uns angezogen“.
Genug Zeit einplanen.
Das ist tatsächlich der Punkt, an dem die meisten Paare später sagen: „Hätten wir das mal vorher gewusst.“ Stress überträgt sich eins zu eins aufs Bild – man sieht es in der Körperhaltung, im Gesicht, einfach überall. Wie viel Zeit man realistisch für welchen Teil des Tages braucht, habe ich übrigens ausführlich in meinem Artikel zum [perfekten Zeitplan für euren Hochzeitstag] aufgeschrieben, da lohnt sich definitiv ein Blick, bevor ihr die Einladungen an eure Locations rausschickt.
Getting Ready zusammen oder getrennt?
Eine Frage, die fast jedes Paar beschäftigt: gemeinsam vorbereiten oder klassisch getrennt, mit dem großen „Reveal“ später? Ich habe beides schon oft begleitet, und ehrlich gesagt gibt es kein Richtig oder Falsch. Manche Paare lieben den Moment, sich zum ersten Mal am Tag zu sehen, kurz bevor es zur Trauung geht – dieses erste Ansehen, oft mit Tränen, ist für mich fotografisch immer ein Highlight. Andere finden es schöner, den ganzen Morgen gemeinsam zu erleben, gemeinsam nervös zu sein, sich gegenseitig zu helfen.
Wichtig ist eigentlich nur eins: sprecht offen darüber, was ihr euch wünscht, statt es einfach so laufen zu lassen, wie es „üblich“ ist. Es ist euer Tag, nicht der eurer Tante, die genau weiß, wie es „sich gehört“.


Und wenn das Wetter nicht mitspielt?
Gerade beim Getting Ready sind viele Paare überrascht, wie sehr schlechtes Wetter draußen eigentlich egal sein kann – drinnen bei warmem Licht und in Ruhe entstehen oft die schönsten Bilder, ganz unabhängig davon, was der Himmel gerade macht. Trotzdem verstehe ich, dass die Sorge um den Wetterbericht in den Tagen vor der Hochzeit an den Nerven zehrt. Was wir dann konkret machen und wie ich mit solchen Situationen umgehe, habe ich in meinem Artikel Regen am Hochzeitstag genauer beschrieben. Kurz gesagt: kein Grund zur Panik, es gibt immer einen Plan B.
Wer sollte beim Getting Ready dabei sein?
Auch das eine Frage, die öfter aufkommt, als man denkt. Meine Erfahrung: weniger ist oft mehr. Die engsten Trauzeuginnen und Trauzeugen, vielleicht die Eltern, das war’s meistens schon. Ein voller Raum sorgt zwar für Trubel und gute Stimmung, aber auch für Unruhe, und ihr selbst habt weniger Momente, in denen ihr einfach nur bei euch sein könnt. Wenn ihr euch unsicher seid, wen ihr einladen sollt: fragt euch einfach, bei wem ihr euch auch nervös und ungeschminkt wohlfühlt. Das ist meistens die richtige Antwort.
Wie lange sollte ich als Fotograf beim Getting Ready dabei sein?
Das hängt stark davon ab, wie viel ihr euch von diesem Teil des Tages wünscht. Manche Paare möchten nur die letzten 30 Minuten dokumentiert haben, quasi die letzten Handgriffe und den Aufbruch zur Location. Andere wünschen sich den ganzen Vormittag, vom ersten Kaffee bis zum letzten Blick in den Spiegel. Beides ist völlig legitim, wirkt sich aber natürlich auch auf den Umfang und damit auf das Honorar aus. Wie sich die Kosten für einen Hochzeitsfotografen grundsätzlich zusammensetzen und woran das liegt, erkläre ich in meinem Artikel Was kostet ein Hochzeitsfotograf, falls euch das noch beschäftigt.
Meine persönliche Erfahrung
Wenn ich zurückblicke auf die Hochzeiten, die ich begleitet habe, sind es fast immer die leisen Momente vom Vormittag, die mich am meisten berühren, wenn ich später die Bilder sichte. Nicht, weil die Trauung oder die Feier weniger schön wären, sondern weil im Getting Ready etwas mitschwingt, das man später kaum noch einfangen kann: die pure, unverstellte Vorfreude, bevor der Tag richtig losgeht.
Also: gebt diesem Teil des Tages die Zeit, die er verdient. Räumt kurz auf, sucht euch einen hellen Raum, ladet die Menschen ein, bei denen ihr euch wohlfühlt – und lasst den Rest einfach passieren. Genau daraus entstehen die Bilder, die ihr in zwanzig Jahren noch anschaut und sofort wieder lächeln müsst.









